Wettkampf
Tapering
Umfang runter, Intensität halten. Es fühlt sich an, als würde die Form verschwinden – und genau in dieser Phase wird sie erst freigelegt.
Tapering ist der Teil der Vorbereitung, der am schwersten durchzuhalten ist – und zwar nicht, weil er anstrengend wäre, sondern weil er es nicht ist.
Was dahintersteckt
Über Wochen des Trainings baut sich zweierlei auf: Leistungsfähigkeit und Ermüdung. Beide sind vorhanden, und die Ermüdung verdeckt einen Teil der Leistungsfähigkeit.
Ermüdung baut sich deutlich schneller ab als Leistungsfähigkeit. Wenn du den Umfang zwei Wochen lang reduzierst, verschwindet die Ermüdung fast vollständig, während die Form nahezu erhalten bleibt. Was übrig bleibt, ist das, was du tatsächlich kannst.
Der messbare Effekt liegt in Untersuchungen bei grob ein bis vier Prozent. Auf eine Marathonzeit von vier Stunden gerechnet sind das zweieinhalb bis zehn Minuten – mehr, als die meisten in den letzten vier Trainingswochen noch gewinnen könnten.
Die drei Regeln
1. Umfang runter. Deutlich. Nicht um zehn Prozent, sondern auf 40 bis 60 Prozent des Spitzenumfangs.
2. Intensität bleibt. Das ist der Teil, der am häufigsten falsch gemacht wird. Wer im Tapering nur noch locker läuft, verliert das Tempogefühl und kommt träge an die Startlinie. Kurze Abschnitte im Wettkampftempo gehören dazu.
3. Häufigkeit bleibt. Weiterhin vier oder fünf Läufe pro Woche, nur kürzer. Der Rhythmus soll erhalten bleiben.
Wie das konkret aussieht
Marathon, drei Wochen:
| Woche | Umfang | Struktur |
|---|---|---|
| −3 | 70 % | langer Lauf 120 min, eine intensive Einheit verkürzt |
| −2 | 55 % | langer Lauf 75 min, 4 × 1.000 m im Marathontempo |
| −1 | 35 % | längster Lauf 40 min, 3 × 1.000 m im Marathontempo bis Mittwoch |
Halbmarathon, zwei Wochen:
| Woche | Umfang | Struktur |
|---|---|---|
| −2 | 65 % | langer Lauf 75 min, 20 min Tempodauerlauf |
| −1 | 40 % | längster Lauf 45 min, 3 × 5 min im Zieltempo bis Mittwoch |
5 oder 10 Kilometer, eine Woche: Umfang auf etwa 50 Prozent, eine kurze Tempoeinheit am Dienstag, ab Donnerstag nur noch locker mit Steigerungen.
Die letzten zwei bis drei Tage sind in jedem Fall sehr locker: 20 bis 30 Minuten mit ein paar kurzen Steigerungen, mehr nicht.
Was du erwarten kannst
Die Nebenwirkungen sind so verbreitet, dass sie ihren eigenen Ruf haben:
- Schwere Beine. Paradox, aber typisch. Der Körper stellt sich um.
- Unruhe und Reizbarkeit. Das gewohnte Ventil fehlt.
- Schlafprobleme. Weniger Belastung, mehr Kopfkino.
- Eingebildete Wehwehchen. Plötzlich zwickt das Knie, das seit Monaten still war. In den allermeisten Fällen ist das ein Aufmerksamkeitseffekt.
- Zweifel an der Vorbereitung. Gehört dazu.
Nichts davon sagt etwas über die Form am Renntag aus. Die Versuchung, “noch mal zu testen, ob es noch geht”, ist der klassische Taperingfehler – ein harter Lauf in der letzten Woche kostet mehr, als er beruhigt.
Was noch dazugehört
Essen wie gewohnt. Der Umfang sinkt, der Appetit oft nicht. Ein paar hundert Gramm mehr auf der Waage in der Taperingwoche sind normal und teilweise eingelagertes Wasser mit dem Glykogen – kein Formverlust.
Schlafen, so viel es geht. Die Woche vor dem Wettkampf ist die, in der Schlaf am meisten bringt.
Nichts Neues ausprobieren. Nicht die neuen Schuhe einlaufen, nicht die Ernährung umstellen, nicht plötzlich mit Krafttraining anfangen. Dazu mehr unter Renntag: der Ablauf.
Häufige Fragen
Wie lange sollte das Tapering dauern?
Bei fünf und zehn Kilometern etwa eine Woche, beim Halbmarathon zwei, beim Marathon zwei bis drei Wochen. Je länger die Wettkampfdistanz und je höher der vorherige Umfang, desto länger die Entlastungsphase.
Wie stark reduziere ich den Umfang?
In der ersten Taperingwoche auf etwa 60 bis 70 Prozent, in der letzten auf 40 bis 50 Prozent des Spitzenumfangs. Die Zahl der Einheiten bleibt gleich, nur ihre Länge sinkt.
Soll ich im Tapering ganz aufhören, intensiv zu laufen?
Nein. Die Intensität bleibt erhalten, nur in geringerem Umfang. Kurze Abschnitte im Wettkampftempo halten das Tempogefühl und die neuromuskuläre Ansteuerung wach. Wer nur noch locker läuft, kommt träge an die Startlinie.
Warum fühle ich mich im Tapering schlechter?
Weil der Körper die gewohnte Belastung vermisst und gleichzeitig die angesammelte Ermüdung abbaut. Schwere Beine, Unruhe, Schlafprobleme und eingebildete Wehwehchen sind in dieser Phase so verbreitet, dass sie einen eigenen Namen haben. Sie sagen nichts über deine Form am Renntag aus.
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